TatOrte Aachen

Ein Schmankerl

 

                                                                              von

                                                                               Rosa-Marita Schrouff

 

 

Die blaue Feder II. - Reise-Kriminalroman aus der Reihe Meisterdetektiv Louis Ocra

 

 

TatOrte Aachen

 

   „Das ist nicht der Tatort!“ Louis steht mit beiden Füßen fest auf dem Rasen des Stadions im Sportpark Soers. Über der dunkelblauen Bundfaltenhose trägt er den Blazer offen. Er zündet in aller Ruhe den Vauen Tabak English Blend in seiner Meerschaumpfeife an. Ein würziges Tabakbild umgibt ihn. Seine roten Haare blitzen unter dem Traveller aus braun gegerbtem Leder der Marke Stetson. Die Beamten stehen um das Tor. Sie blicken zu ihm.

  „Hallo Igor!“, begrüßt er seinen langjährigen Freund Kommissar Montvièr.

  „Louis!“ Igor tritt aus der Gruppe zu Ocra.

  „Ich ging mit Zorro vor dem Einkauf ein Stück spazieren, als ich sah, wie du in das Stadion marschiertest ...“

  „Da hast du gleich Blut gewittert. Du alter Spürhund, du!“, freundschaftlich gibt Igor Aachens Meisterdetektiv Louis Ocra einen Klaps auf die Schulter.

   „Na du“, der 1,85 Meter große Montvièr schlägt mit beiden Händen auf die Oberschenkel. Der Drahthaarterrier springt auf die Knie und in die Arme des Kommissars. Er wirkt stämmig wie ein Baum. Seine pechschwarzen glatten Haare sind rundum kurz mit akkuratem Seitenscheitel. Zur rituellen Begrüßung erhält Montvièr eine Morgenwäsche.

   „Knabberst du die Frühstücksreste aus meinem Zwirbel?“, lachend richtet Igor die markanten Schnauzenden mit einem Dreh seines Zeigefingers empor. Während er Zorro im Nacken krault, betrachtet er mit Louis die Leiche.

  „Ich sehe keinen Tropfen Blut im Rasen. Wenn einem Menschen die Kehle durchgeschnitten wird, hat das einen enormen Blutverlust zur Folge.“

In dem Moment ertönen Entsetzensschreie vom benachbarten Reitstadion.

  „Das CHIO“, Montvièr schüttelt den Kopf.

  „Die abgeschnittene Zunge in seiner oberen Jackett-Tasche lässt auf einen Rachemord an Jemandem, der ein Geheimnis ausgeplaudert hat, schließen.“

  „Die Aachener Mafia? Keine Papiere ...“

  „Mit der Schlagzeile hat die Alemannia nicht gerechnet: Leiche im Tor des Tivolis!“

  „Natürlich, der Mullefluppet ist gleich parat“, Montvièr wendet sich zu dem Reporter. „Wo du schon einmal hier bist, Hans, nimm bitte das Gesicht auf und setz es in die Zeitung mit der Überschrift: Wer kennt diesen John Doe?“

  „Geht klar, Igor“, Hans Brunner dreht den Schild seiner karierten Schlägerkappe nach hinten, lehnt die Tasche an den Pfosten und schießt das gewünschte Porträt.

  „Wir hören voneinander!“ Ocra verabschiedet sich.

  „Worauf du dich verlassen kannst, tschüss, Louis!“ Montvièr geht seine Notizen durch.

   Louis wandert mit Zorro quer über den Naturrasen des 105 mal 68 Meter großen Spielfelds. Die maisgelben Tribünen der Fußballarena sind menschenleer. Der schwarze Schriftzug TIVOLI prangt von den oberen Rängen. Louis spürt die typische Atmosphäre der Ruhe vor dem Sturm. Er bleibt stehen, blickt sich um und muss unweigerlich an die legendäre Villa Tivoli an dieser Stelle denken. Von der Villa stammt der Name des Aachener Fußballstadions. Louis geht hinaus auf den dreieckigen Vorplatz. Der Platz bildet eine Reminiszenz an Aachens Dreiecksplätze, dem Resultat von römischer und karolingischer Ortung. Markant charakterisieren stählern gespannte gelbe Stahlsegel die rechteckige Arena. Louis verharrt. Sein Stirnrunzler erzeugt die charakteristischen Gaballafalten. Entschlossen richtet er seinen Blick zu dem benachbarten CHIO-Gelände. Ein Krankenwagen und der Notarzt verlassen mit Blaulicht die Anlage. Ocra bringt Zorro in seinen Wagen und geht in das Reitstadion.

   Auf dem Stehplatz drängen die Zuschauer dicht nebeneinander. Es ist kaum Platz zum Durchkommen. Louis verschafft sich einen Überblick. Schritt für Schritt bahnt er sich einen Weg durch die Menschenmasse. Die Hiobsbotschaften fliegen ihm um die Ohren.

  „Schrecklich, die kriegen das Tier nie eingefangen.“ Der zwei Meter große Mann hat freien Blick auf den Parcours. Er greift in die Chipstüte und steckt einen Chip nach dem anderen in den Mund. Seine schmale Brille gleitet ein Stück über den Nasenrücken hinunter. Mit dem kleinen Finger schiebt er sie nach oben. Zwischen Daumen und Zeigefinger wartet der nächste Chip auf seinen Verzehr.

  „Ein Betäubungsgewehr ist angebracht.“ Den Sonntagsjäger im dunkelgrünen Leinensacko verraten seine Hirschhornknöpfe.

  „Wenn es über die Einzäunung springt, wird es uns alle zertrampeln. Komm Elsa, wir gehen!“ Der kleine rundliche Mann setzt seinen karierten Hut auf, nimmt die pummelige Elsa an der Hand und versucht, in Richtung Ausgang zu gelangen.

Louis stellt sich auf den freien Platz am Geländer. Im nächsten Moment galoppiert der Schimmel wie ein abgeschossener Pfeil an ihm vorbei. Der weiße Schaum spritzt Ocra ins Gesicht. Er schwingt sich über die Barriere und stellt sich dem Tier in die Bahn. Louis hebt seinen rechten Arm. Die offene Hand gebietet Einhalt. Er nimmt Augenkontakt mit dem Hengst auf. Der Galopp verlangsamt sich. „Ruhig!“, Ocra steht wie ein Fels in der Brandung. Im Stadion ist es mucksmäuschen still. Der Schimmel spürt sein Einvernehmen. Kurz vor Louis geht er in Trab über und bleibt vor ihm stehen. „Brav!“, Louis streckt ihm die flache Hand hin. Das Tier nimmt seine Witterung auf und lässt sich mit einem sanften Streicheln seiner Nüstern beruhigen.

Ein Raunen geht durch die Ränge. Ocra legt den Finger auf die Lippen und bittet um Ruhe. Mit sicherer Hand führt er das Pferd vom Platz.

   Als er ins Stadion zurückkehrt, wird er mit tosendem Applaus empfangen. Louis winkt. Eine Woge der Begeisterung umgibt ihn. Die Zuschauer klatschen und erheben sich im Wellenrhythmus. Ocra erkennt einen der Ordner und geht zu ihm.

  „Hallo Mark“

  „Guten Tag Louis. Gratuliere! Der Pferdeflüsterer ist ein Waisenknabe neben dir. Hast du den Unfall beobachtet?“

Louis schüttelt den Kopf.

   „Pèrle hat sich vor dem Oxer wild aufgebäumt. Das habe ich nur einmal zuvor erlebt, als ein Pferd vor einer Kobra erschrak. Dasselbe panische Verhalten zeigte der Schimmel.“

   „Kannst du mich an das Hindernis führen?“

   „Null Problemo. Komm!“

   Ocra geht um den Hochweitsprung, betrachtet die Stangen, die seitlichen Blumenarrangements, legt sich auf den Rasen, blickt unter den Stangen in die Thujen und springt auf.

   „Ich hab’s. Mark, lass bitte alles absperren. Hier ist der Mord passiert.“ Mark schaut verdutzt. Da er Ocra kennt und vertraut, trifft er ohne zu zögern die empfohlenen Maßnahmen.

   „Ich alarmiere die Spurensicherung.“ Ocra nimmt sein Handy. „Igor, der Tatort ist der Turnierplatz. … In Ordnung, ich warte. Bis gleich.“

   „Der Mord geschah in dem 1,50 Meter breiten Zwischenraum des Karéeoxers.“

Die Beamten der Spurensicherung entfernen Schritt für Schritt die Thujen. Das getrocknete Blut kommt zum Vorschein.

   „Mit dem Fundort wollten sie die Verbindung zum Reitsport kappen. Wieso versteckten sie die Leiche nicht schwer auffindbar?“, wundert sich Montvièr.

   „Sie warnt die Mitwisser“, erklärt Ocra seinem Freund.

   „Handelt es sich um einen Dopingskandal beim CHIO?“

   „Wir müssen unsaubere Methoden beim Turnier befürchten, Igor.“

  Spätnachmittags hämmert Montvièr mit dem Löwenklopfer an Ocras antiker weißer Landhaustür. Louis öffnet, er schmunzelt. „Wolltest du seine Funktion ausprobieren?“

   „Genau. Die Fanfaren deines Gongs kenne ich bereits.“ Er tritt ein. „Du hast gesaunt?“, fragt Igor und wirft einen Blick auf Louis Bademantel.

   „Korrekt, Herr Kommissar“, schäkert der Hausherr. „Kaffee, Igor?“

   „Nein danke, Louis.“

   „Nimm bitte Platz.“ Die beiden setzen sich vor das Panoramafenster.

   „Du hältst nicht für möglich, was ich dir zeige. Schau dir bitte diese Manschettenknöpfe an, sie stammen von dem Opfer.“

Louis nimmt die beiden Stücke in Form einer Schmuckmünze in die Hand. Er klappt den Verbindungsbarren und die Münzen reagieren wie ein Magnet. „Das Opfer will uns einen Hinweis geben. Er fürchtete um sein Leben. Einen ähnlichen Mechanismus kenne ich vom manipulierten Roulettespiel. Projiziert auf den Turniersport, bedeutet das eine Präparierung der Stangen. Bei dem favorisierten Reiter wird der Magnet via Fernbedienung aktiviert.“

 Montvièr schnappt sein Handy und lässt speziell die hintere Stange des Oxers nach Magneten untersuchen. „Zum Glück ist dieses Hindernis in der Asservatenkammer. Mit Sicherheit haben die Gangster die übrigen Beweise entfernt.“

   „Wir müssen uns die Videos der letzten Turniere durchsehen.“

   „Mir fällt nichts auf. Ich hole uns einen Kaffee.“ Igor erhebt sich aus seinem Clubsessel im Richterturm.

   „Ich finde ihren Stil enorm. Sie nehmen die Hindernisse derart bravourös, dass keine einzige Stange auch nur leicht wackelt“, stellt ein Reporter bei seinem Interview mit dem Reiter aus Irland fest. Padraig MacCollins schießt die Röte ins Gesicht. Montvièr bleibt angewurzelt stehen. „Mensch, dreh dich um“, schreit er den Journalisten an. „Er ist es. Unser Opfer!“

   „Heinz Pfeifer hat uns nicht nur seine Manschettenknöpfe hinterlassen. Nun ist Vorsicht geboten.“

   „MacCollins ist abgereist. Krankheitsfall in der Familie.“ Montvièr legt den Hörer auf.

   „So kann man das auch ausdrücken. Sagrada Familia.“

   „In Irland ist er bisher nicht angekommen“, lautet das Resultat des nächsten Telefonats mit seinem irischen Kollegen.

   „Der wird untergetaucht sein.“

 

   Anderntags schlendert Louis durch den VIP Bereich. Im Gegensatz zu dem Reiter ist der Sponsor nicht abgereist. Yves St. Longbois ist von kleiner Statur. Er wirkt wie ein Buchmacher. Die winzigen schwarzen Augen, die lange spitze Nase und eingefallene Wangenpartien erinnern an eine Ratte. Seine beiden Bodyguards scheinen vom Nebentisch Alles und Jeden zu kontrollieren. Einmal tief Luft geholt und ihre Bizeps und Pektorals sprengen die Sakkos. Ihre Nadelstreifen, Pomade und Strohtrilbys wirken wie alte Klamotten aus einem Al Capone Revolverblatt.

Ein Reiter nähert sich Longbois, der winkt mit dem Zeigefinger ab. Der Mann kehrt um und verlässt das Zelt.

   „Wenn ich ihm folge, ziehe ich die Aufmerksamkeit der Herren auf mich.“ Ocra bestellt einen Espresso. Zu den beiden Aufpassern gesellt sich ein dritter. Er ist jung, wirkt unerfahren und nervös. Anerkennend schlägt der Rechte ihm auf die Schulter. Ocra geht nach einer Weile. Von Weitem beobachtet er den Briten. Er schreitet den Parcours ab. Auf der Wiese bietet sich ein pittoreskes Bild. Ringsum liegen unter den Holzgittern die Taschen der Pfleger mit den Striegeln sowie den Reinigunsgtüchern für die Augen und die Nüstern.

 

   Zu Hause angekommen sieht er die Balkontür offen. Er geht hinaus.

   „Die Luft ist noch kalt.“ Louis schlägt seinen Kragen hoch und die Jacke zusammen.

   „Die Sonnenstrahlen tun gut.“ Norma steht in ihren pinkfarbenen Leggins und ihrer Longtunika mit einem zauberhaften Digitaldruck von Monet’s Seerosen auf der Wiese neben dem Teich. Sie schüttet ein Tütchen Samen in die frisch aufgelockerte Erde.

   „Was machst du, Schatz?“ Louis legt seine Arme um ihre Taille und schaut ihr über die Schulter.

   „Ich lege eine spezielle Blumenwiese an. Die Blüten locken Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Die Wiese dient den Insekten als Nahrung und fördert die Artenvielfalt.“

   „Wie Vogelfutter im Winter.“

   „Wenn du so willst.“ Eng umschlungen schlendern sie ins Haus.

   Montvièr zieht sich zum Nachdenken in den Wald zurück, den Öcher Bösch. Er unternimmt einen dreistündigen Spaziergang. Über den Osterweg wandert er in seinen Knickerbockers in Richtung Sieben Wege, am Pelzerturm vorbei zu den Hünengräbern. Er lauscht dem Gesang der Vögel, dem Klopfen des Buntspechts und der Stille. In einem Gebiet spürt er deutlich die Wärme des Golfstroms. Blau-, Hauben, Tannen- und Schwanzmeisen tummeln sich in der Wärme. Nach einer Rast greift der Kommissar in seine Wanderjacke. Das Wildleder glänzt an einigen Stellen. Das Stück ist ihm lieb und teuer. Er holt seine Stimmgabel heraus, gibt sich ein A vor und bringt seine Stimme in die richtige Tonlage. „Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera ... “, er schmettert sein Lied durch den Öcher Bösch. „Es grünen die Wälder, die Höh’n, fallera. Wir wandern ohne Sorgen ... Leiche im Tivoli - Mord auf dem CHIO - Mafi...“ im Schwung hält er seinen Wanderstock an, den Rundhaken des geflammten Kastanienholzes fest im Griff. Er blickt sich vorsichtig um. Im Busch raschelt es. Montvièr umfasst den Stock mit beiden Händen. Grunzend quert ein Wildschwein die Lichtung. Der Kommissar verharrt und stutzt. „Was war das? Ein kleiner Finger? Sah aus wie eine menschliche Hand in seinem Maul.“ Er blickt zu dem Gebüsch. In dem Dunkelgrün unter dem Ginster leuchtet ein Messingknopf. Ein übler Geruch steigt ihm in die Nase. Montvièr schiebt die Zweige mit seinem Stecken beiseite und erstarrt. Das dunkelgrüne Jackett, die weiße Hose und hohen Reiterstiefel gehören zu dem irischen Dress. Ein Auge quillt hervor, die linke Wangenpartie ist weggefressen. Aus dem zerfetzten subkutanen Bindegewebe hängen die mimischen Muskelfasern herab. Der Knochen des Unterkiefers liegt offen. Montvièr schluckt. Er wendet sich ab und ruft über Handy die Spurensicherung.

   Anhand der Zahnreste kann die Leiche als Padraig MacCollins identifiziert werden.

   Währenddessen steckt Louis die Einladung zur exklusiven Vorbesichtigung der Ausstellung mit Werken von Thopas in die Innentasche seines dunkelblauen Gabardinejacketts und denkt bei sich „Ich zeichne sehr gerne. Ein Patzer ist schnell korrigiert. Ein Meisterzeichner des 17. Jahrhunderts, dessen Zeichnungen den Stellenwert von Ölgemälden besitzen, muss Außergewöhnliches geschaffen haben.“ Er blickt auf die Uhr. 17:30 Uhr, Zeit zum Aufbruch. Seinen Wagen parkt er schräg gegenüber dem neomanieristischen Museumsbau, der ehemaligen Villa Cassalette. Sein Freund Harald de Fontaine erwartet ihn.

    „Purer Horror vacui“, Harald deutet auf die Fassade.

   „Eine stilisierte Form der Maniera Michelangelos. Diese Front orientiert sich an der Biblioteca Marciana in Venedig. Die Villa ist ein Paradebeispiel für den Erfolg der Kratzenindustrie.“

   „Kratzen? Du meinst die Bürsten, die wir am Denkmal-Tag in dem geplanten Textilmuseum gesehen haben?“

Louis nickt.

   „Die sahen aus wie Hundebürsten.“

   „Der Vergleich ist nicht schlecht. Wie die Zupfbürste abgestorbene Haare und Verfilzungen in der Unterwolle entfernt, rauhen die Kratzen, auch Karden genannt, das Woll- oder Baumwollgewebe auf. Die Oberflächenstruktur wird flauschig. Dieser Veredelungsprozess sorgt für eine höhere Wärmeisolierfähigkeit.“

Sie verweilen vor der Cafeteria unter dem Mast des Segels, dem Wahrzeichen des Museums. Auf dem Boden verläuft ein Muster.

   „Die Eingangsspirale erinnert mich an ein Labyrinth. Das Museum birgt einen Teil unserer Geschichte, der Vergangenheit und der Gegenwart.“

   „Die Kunst als Spiegel der Zeit.“ Harald drückt seine Zigarette in dem Ascher aus. Gemeinsam gehen sie durch das Spiralquadrat an dem Mast von Norbert Müller-Everling, dem Bildhauer der konkreten Kunst, vorbei zu dem Eingang. Ihre Entdeckungstour durch die Welt der Kunst beginnt. In der ehemaligen Kutscheneinfahrt sitzt hinter einer grell beleuchteten Theke die Kassiererin.

   „Möchten Sie zu dem Empfang?“

   „Ja, guten Abend.“

   „Hier fallen einem die Kronen auf den Kopf.“ De Fontaine entdeckt die Schlusssteine des Kreuzkappengewölbes.

Die Ordner weisen ihnen den Weg zu dem Eingang auf der rechten Seite.

   „Guten Abend Frau Kranich, Herr Kranich. Ocra, ich war mit ihnen 1980 auf Klassenfahrt in der Provence.“

   „Mein Mann schwärmt heute noch von dieser Exkursion.“

   „Wie geht es Ihnen? Sicher genießen Sie Ihren Ruhestand?“

   „Ich plane meinen 80. Geburtstag.“

   „Das ist wunderbar.“ Louis lässt seinem ehemaligen Lehrer den Vortritt.

   „Mit welchen Highlights der Direktor uns diesmal überrascht?“, Frau Kranich ist gespannt.

   „Virtuoses im Kleinformat von einem taubstummen Künstler des 17. Jahrhunderts wird einige Bildungslücken schließen.“, erhofft sich Ocra.

Sie gehen die Stufen in das Foyer hinauf und nehmen neben dem Eingang zur Bibliothek Platz. Das Foyer ist geschossdurchgehend ähnlich einem antiken Lichthof mit Glas überwölbt. Die Glasmalereien des Architekten Eduard Linse haben den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt. In der Mitte zwischen den historistischen Säulen ist ein Flügel aufgestellt.

    „Eine Dauerleihgabe einer Dame aus Eschweiler. Der Steinway, ein Längssaiter, stammt aus dem Jahr 1869. Das Instrument befindet sich seit Anfang des Jahres in unserem Musentempel. Das Klavier gehörte zur Einrichtung von Eduard Cassalette.“, berichtet Frau Kranich.

   „Lauschen wir diesem eindeutig zu klassifizierendem Instrument“, de Fontaine schmunzelt. Die Dame blickt verwundert. Fontaine amüsiert über sein Verwirrspiel erläutert. „Der Bedienungsart nach handelt es sich um ein Tasteninstrument, der Erregungsart zu Folge um ein Schlaginstrument und in Bezug auf das Medium um ein Saiteninstrument.“

Der Museumsdirektor tritt an das Rednerpult, fährt über seine Glatze und ruckt sein graues Flanell-Jackett gerade.

   „Meine Damen, Meine Herren, liebe Museums-Freunde! Ich begrüße Sie heute Abend recht herzlich zu unserer Ausstellung Deaf, Dump and Brilliant. Eigentlich müsste der Titel Deaf, Dump and Blind lauten, aber Brilliant trifft den Kern der Aussage.“

   „Sein belgischer Akzent ist unverkennbar. Ist abgemagert der Gute.“

   „Harald!“

   „Thopas Porträt-Zeichnungen stehen gleichrangig mit Gemälden. Den Bezug zum Suermondt-Ludwig Museum stellt sein Doppelporträt eines unbekannten Haarlemer Paars aus dem Jahr 1664 dar. Der Rahmen ist ein Meisterwerk mit den Attributen Schwert und Puderquaste. Mit seinem Blow Up habe ich den Vorraum des Ausstellungsbereichs geschmückt. Bemerkenswert ist Thopas Technik die Fillins ohne Linie, ohne Schraffur, zu zeichnen.

Das Aachener Werk komplettieren Leihgaben aus der Albertina in Wien, der Fondation Custodia in Paris und dem königlichen Museum der schönen Künste in Brüssel.

Ich bitte zum Eröffnungsspiel!“ Der Direktor weist auf den Virtuosen, applaudiert ihm und setzt sich zu seinen Gästen.

Die Klavierdecke wird abgenommen, zusammengefaltet und hinter den Vorhang gebracht. Der Pianist tritt neben das Instrument und öffnet den Flügel. Mit lauter Rasanz schlägt eine Kugel in die Foyerwand.

   „Nein!“, er lässt den Deckel fallen und schwankt einen Schritt zurück. Sein Gesicht ist kreidebleich, sein rechter Oberarm blutet. Zwei Herren eilen, ihn zu stützen. Er stolpert, während sie den in sich zusammengesunkenen Klavierspieler auf einen der Stühle setzen. Seine Hand deutet auf das Instrument.  

   „Da ...Da...“

Ocra alarmiert Igor mit einem Sonderteam sowie Notarzt via Handy und lässt das Foyer räumen.

   „Ouvertüre mit Salut. Ob da ein Ballermann drinsitzt? Merk-würdige Darbietung der Dame in der Torte“, raunt Harald seinem Freund beim Hinausgehen ins Ohr.

   Schwer bewaffnet und gepanzert trifft Montvièr mit einer Spezialmannschaft ein. Der Pianist mit Streifschuss wird abtransportiert. Der Flügel wird umstellt. Zwei Mann heben den Deckel von vorne und hinten einen Spalt an. Ein Mann in dunkler Einsatzkleidung inspiziert mit dem Flexoskop den Korpus. Aus sicherer Entfernung beobachtet Ocra den Vorgang durch die Glastür.

   „Entwarnung!“ Montvièr kommt mit einer eingetüteten Pistole die Eingangstreppe hinunter. „Eine ausgediente Makarow. Als der Flügel angehoben wurde, fiel die Waffe durch den Gussrahmen in den Resonanzboden. Dabei hat sich der Schuss gelöst.“

   „Die ist wohl dem Keiler zuvorgekommen“, argwöhnt Harald.

 

   Am folgenden Tag streift Ocra durch die Thopas Ausstellung. Der Porträtzeichner verwendete Grafit und chinesische Tusche. Bewundernswert ist seine Stofflichkeitsillusion. Mit seiner Taschenlupe betrachtet Ocra einzelne Partien: die Spitzen, das Blattwerk und die Flügel des Amor. Im Trompe-l’œil Effekt greift eine Hand aus dem Rahmen. Die Porträtwerke sind in einzelne Schaffensperioden unterteilt. Eine Serie ist koloriert. Seine realen Porträts weisen keine Verschönerungen auf, selbst die Warze einer Dame lässt Thopas nicht außer Acht. Der Chirurg und Bürgermeister von Amsterdam Dr. Nicolaes Tulp, alias Claes Pieterszoon, überliefert durch Rembrandts Anatomie aus dem Jahr 1632, ließ sich von Thopas um 1660 porträtieren.

Ocra bleibt vor einem der kolorierten Werke stehen. Er sieht den Himmel und lächelt. Das Bild eines toten Mädchens atypisch aufgebahrt, ist das einzige überlieferte Ölgemälde. Über Venus und Mars bilden die Wolken eine Omegaformation.

   Zu Hause nimmt Louis Norma in die Arme, liebevoll küsst er seine Lebensgefährtin. „Schau Spatz, im 17. Jahrhundert gab es das gleiche Himmelsgemälde wie letztes Jahr. Deine Fotografie und Thopas Kunstwerk liefern den Beweis.“

   „Das ist interessant, Louis“, sie streicht über seine Stirn, „bestimmt klärst du die Morde bald auf. Du musst mir Alles berichten, wenn ich zurückkomme. Ohne deine Haushälterin Frau Hateck hast du genug investigative Ruhe.“ Norma schließt ihre Reisetasche.

   „Ich fahre dich zum Bahnhof.“ Ocra hilft ihr in den Mantel, nimmt seine Autoschlüssel und die beiden verlassen das Haus.

 

   Am späten Abend verdunkelt sich der Himmel. Ein pechschwarzes Band liegt schwer über dem Firmament. Grell durchzuckt ein Licht unten am Horizont die Dunkelheit. Das Wetterleuchten wandert nach rechts. Ein dunkelblauer Streifen wird über dem Schwarz sichtbar.

Nach geraumer Zeit toben Sturm und Regen um das Anwesen. Um 2:30 Uhr in der Nacht bricht der Mond durch das tiefe Schwarz. Es ist zunehmender Mond. Die dunklen Wolkenbänder ziehen in hoher Geschwindigkeit an dem Trabanten vorbei.

Gebell weckt Louis. Er richtet sich im Bett auf und sieht nach Zorro. Mit beiden Vorderpfoten trommelt er knurrend gegen die Verandatür. Der Terrier steht auf seinen Hinterbeinen, seine Rute ist kerzengerade aufgerichtet. Die Dreiecksohren schwingen auf und ab. „Aus!“ Zorro setzt sich neben die Tür und blickt gespannt zu seinem Herrchen. Louis schaltet das Licht auf der Terrasse an. Eine Haselmaus rast von der Hauswand in den Rasen. „Brav, Zorro. Du hast gut aufgepasst. Abmarsch!“ Louis reicht ihm einen Hundekeks. „Hoffentlich können wir in Ruhe weiterschlafen.“

   Um 5 Uhr steht Ocra auf. Der ungelöste Fall lässt ihm keine Ruhe. Intuitiv geht er mit Zorro in den Garten. In dem Beet am Teich sind Fußabdrücke. Er schaut nach seinem Hund. Zorro hat einen Igel aufgespürt. Das runde Stachelknäuel erweckt die Assoziation eines Balls und seinen Spieltrieb. In Windeseile trägt er den kugelrunden Gesellen in die andere Gartenecke, legt ihn ab und bellt den picksenden Ball an. Er schnappt ihn und spurtet die Treppe hoch in Richtung Verandatür. „Zorro, aus!“ Folgsam legt er den Igel auf den Steinplatten ab. Zorro springt ein Stück zur Seite und schüttelt seinen Kopf. Mit dem Ball ist aber wirklich etwas nicht in Ordnung. Sein Schnäuzchen blutet. „Komm!“ Ocra geht mit ihm ins Bad und wäscht vorsichtig das Blut aus seinen Lefzen. Er untersucht ihn nach Stacheln, dreht sich um und öffnet die Tür von Zorros Fach im Spiegelschrank. Großflächig sprüht er ihn mit dem Limes-Spray ein. „Nun hast du einen natürlichen Schutzwall gegen Flöhe und Zecken. Die hochwertigen Öle aus Lavendel, Nelke und Pfefferminz bewirken eine natürliche Parasitenabwehr.“ Zorro hält still. Louis setzt die Flasche ab und greift zu seinem Rasierer. Zorro prustet, rennt aus dem Bad und wälzt sich auf seiner Chaiselongue im Arbeitszimmer.

Die Schlafzimmertür fällt ins Schloss. Louis blickt auf und sieht in die Mündung einer Pistole. Der dritte Guardian steht vor ihm.

   „Sie! Sie müssen mir helfen!“

   „Ok“, Louis stellt den Rasierer in die Station. „Sie haben Mac Collins im Wald deponiert. Dies war Ihre Aufnahmeprüfung.“

   „Ich kann das nicht“, die rippige Gestalter setzt sich auf die Bettkante. Den Kopf herabgesenkt wie ein Häufchen Elend. Seine strähnigen langen Haare sind noch ungepflegter als tags zuvor. Die ausgetretenen Turnschuhe hält an einzelnen Stellen ein Klebeband. Ocra geht auf ihn zu.

   „Keinen Schritt weiter! Ich schieße.“

   „Nur mit der Ruhe.“ Ocra lehnt sich gegen sein Sideboard. „Erzählen Sie.“

   „Ich will einen Deal!“

   „Darüber lässt sich reden.“

   „Das habe ich mir alles anders vorgestellt. Ich bin der Handlanger für deren Schmutzarbeit. Die vergnügen sich auf meine Kosten. Damit ist jetzt Schluss. Denen werde ich es zeigen. Mit mir nicht!“

   „Das war viel Mühe die Leiche oben im Wald zu verbergen?“

   „Finden Sie?“, für einen Moment wirkt der Mann erleichtert. „Die sind anderer Meinung“, fährt er verbittert fort. „Ich hätte sie ordentlich vergraben müssen. Soll ich etwa auch noch mit einem Spaten losziehen? Der Typ war schwer genug. Nun hab ich den Salat. Als ich die Spezies entsorge, folgt mir ein vermaledeiter Streifenwagen. Ich biege zweimal ab. Die Polypen sind weg. Der offene Lkw ist meine Chance. Ich dachte, die würden den Kasten abtransportieren. Aber da passte die Leiche nicht hinein. Ich wusste nix von der Knarre. Die gehörte nicht in dessen Tasche. Den Mord lass ich mir nicht in die Schuhe schieben! Das war der Max!“

   „Max ist der mit der Narbe auf der Wange?“

   „Ja genau.“

   „Kommen Sie, wir gehen zu Montvièr. Mit ihrer Aussage bekommen Sie mildernde Umstände“, Ocra bewegt sich in Richtung Haustür. Der Mann folgt ihm. Er öffnet und blickt zu seinem ungebetenen Gast. Dieser zuckt erschrocken zurück. In dem Moment legt sich eine Hand mit einem Wattebausch voll Äther auf Ocras Mund und Nase. Alles wird dunkel.

 

   „Öffnen Sie die Tür, Schwarzenfurt! Wir müssen auf den Notruf reagieren“, Montvièr macht dem Beamten Platz. Eine Unbekannte hatte einen Mord in Ocras Villa gemeldet. Der Polizist Matthias von Schwarzenfurt steckt seinen Dietrich erfolgreich ins Schloss. Seine Kollegen gehen mit erhobenen Pistolen in Ocras Villa.

   „Herr Kommissar!“ Meier, einer der Beamten, ruft nach Montvièr.

Igor blickt schockiert auf seinen Freund hinunter. Ocra liegt ausgestreckt auf dem weißen Marmorboden der Diele. In seiner Rechten befindet sich ein Jagdmesser. Die Klinge ist voll Blut. Schwarzenfurt fühlt den Puls des Mannes unter der Garderobe. Er schüttelt den Kopf. „Mario, ein Kleinkrimineller mit Jugendstrafen. Der Stich ging direkt ins Herz.“

Ocra kommt zu sich.

   „Das war Notwehr!“, konstatiert Montvièr.

Ocra rappelt sich auf. „Was redest du da? Der Mann wollte gegen ...“

   „Notwehr. Es kommt alles in Ordnung. Mach Dir keine Sorge.“

   „Igor“, Ocra packt seinen Freund an beiden Armen und rüttelt ihn. Zwei Polizisten ergreifen Ocra und führen ihn ab.

 

   „Igor ist ein lieber Kerl. Aber manchmal ein verbohrter Knochen“, Louis reibt sich die Handgelenke.

   „Ich habe Montvièr den Vorgang vermittelt. Er ist immer noch skeptisch. Der Kommissar sieht von einer Anzeige gegen Sie wegen tätigem Angriff ab“, Dennis Strauß schließt den Ordner und streicht über seine silberfarbene Krawatte. Der 45-jährige Rechtsanwalt verlässt mit Ocra das Revier.

 

   „Ohne die Aussage von Mario sind wir machtlos. Wir müssen Longbois anders überführen“, Louis zieht an seiner Bent. Entspannt streckt er sich auf seiner Couch und krault Zorro, der sich neben sein Herrchen eingenistet hat.  

Harald sitzt zurückgelehnt in dem weiß genieteten Loungesessel. Er betrachtet die kleinen Rautenflächen der Whisky Flasche in seiner Hand.

   „Ein faszinierendes Design. Die 24 Facetten stehen für die 24 Stunden des Tages sowie für jeden Monat des japanischen Mondkalenders.“

   „Hibiki, ein Whisky aus dem Land der aufgehenden Sonne. Der japanische Name bedeutet Harmonie. Die Harmonie zwischen Japans reichhaltiger Natur und den Menschen. Dieser 30 Jahre alte Whisky stammt aus einer der höchsten Destillerien der Welt in den japanischen Südalpen“, Louis kostet einen Schluck aus seinem Bugatti Stilglas,  „Anklänge von Rosenaroma, Sandelholz mit einer leicht süßlichen Honignuance und weißer Schokolade kombiniert mit Kaffee bereichern seinen tiefgründigen Geschmack“, genussvoll lässt Ocra die Aromen wirken, „Die japanische Wassereiche sorgt für einen dezent weichen Abgang und die orientalische Note.“

   „Ein ordentlicher Tumbler wäre mir lieber“, argwöhnt Harald.

  „Bei diesem speziellen Glas mit der bauchigen nach oben verjüngender Form, sammelt sich das Whiskyaroma im Bauch des Glases und wird durch die schmale Öffnung intensiver in die Nase aufgenommen. Die geschwungene Lippe des Glases ermöglicht es den Whisky langsam zuerst im vorderen Teil des Gaumens zu verkosten. Der Stil des Glases erlaubt dir die Wärme deiner Hand zu kontrollieren.  Kälte verringert die Wahrnehmung der Aromen, daher erwärmst du den Whisky leicht mit der Hand.“

   „Wie du meinst. Lassen wir unsere Sinne erwecken mit dem Wasser des Lebens“, Harald stellt die kostbare Edition ab, greift nach seinem Whiskyglas und platziert den quadratischen Dessertteller mit der köstlichen Melone und dem Parmaschinken griffbereit auf seinen Oberschenkel.

 

   Es ist ein heißer Turniertag. Das Fell des Rappens glänzt bei seinem Sprung über den Wassergraben. Im engen Bogen reitet Paul Rombach auf den Hochweitsprung. Absprung, das Pferd gleitet über die hintere Stange und geht zu Boden. Rombach springt ab. Das Tier bleibt reglos liegen. 

   „Wieso wohl ist die Stange nicht gefallen? Longbois, Sie sind verhaftet!“, Montvièr lässt Yves de Longbois und seine Bodyguards abführen.

   „Das ist ein Missverständnis. Die Magnete stammen nicht von mir.“

   „Wie kommen ihre Fingerabdrücke auf die Vorrichtung?“, pokert Montvièr.

   „Ein bisschen Glücksspiel, Herr Kommissar.“ Die Ratte windet sich.

   „Mit drei Leichen?“, schreit Montvièr.

   „Wo gehobelt wird, fallen Späne. Ich habe nur angeordnet, den Iren für eine Weile zu verstecken. Alles andere ist Max eigenes Problem. “

Ocra gibt Rombach ein Zeichen. Paul flüstert seinem Pferd ins Ohr. Der Rappe springt auf, Rombach mit einem Satz in den Sattel. Unter Jubel absolvieren die beiden Künstler ihre Ehrenrunde.

   „Prima Idee mit deinem Freund Rombach. Fall Mafia in der Soers gelöst. Danke, Louis!“ Igor verabschiedet sich von Louis und waltet seines Amtes.

 

Copyright: ©2014/18 Rosa-Marita Schrouff

Firmierung: RMS-Scriptorin®

 

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